Gewalt am Computer

...oder was kann sonst noch verändert werden?

von André Krajewski

Ich bin mir sicher, dass mich nach meinen folgenden Ausführungen der Zorn Vieler treffen wird, aber ich fürchte auch, dass mich Schweigen zerreißen würde!
Die große Katastrophe konnte vermieden werden, doch gibt es neben Verletzten, die gottlob nicht in Lebensgefahr schweben, einen Toten zu beklagen. Eine Familie hat ihren Sohn verloren und für Eltern gibt es nichts schlimmeres, als ein Kind beerdigen zu müssen. Nun wird erneut die Frage gestellt, ob so genannte “Ballerspiele” verboten werden sollen. Mich beschäftigt allerdings die Frage, ob hier nicht am Kernproblem vorbei diskutiert wird!
Welche Gründe mag es haben, dass ein junger Mann von achtzehn Jahren schwer bewaffnet in eine Schule eindringt und dort Amok läuft? Wäre dies bei einem intakten Elternhaus, in dem ein Kind Zuneigung, Liebe, Aufmerksamkeit und Geborgenheit in ausreichendem Maße findet, möglich? Wie muss das Umfeld aussehen, in welchem ein Heranwachsender einen derart ausgeprägten Lebensfrust entwickelt?
Wenn ein Kind frühzeitig zum Außenseiter wird, kann dies nicht an gewissen Computerspielen liegen. Diese sind lediglich Fluchtwelten, in die sich der Ausgegrenzte zurück zieht. Dort wird er nicht gedemütigt und allein gelassen. Er ist der Chef in seiner eigenen kleinen Welt. Verkehrt die Realität quasi ins Gegenteil. Ist man in die Gesellschaft nicht integriert, erzeugt man sich seine passende selbst! Und hier ist, meiner Auffassung nach, der entscheidende Punkt, wo angesetzt werden sollte! Natürlich beginnt das im Elternhaus. Nicht allein die Pflicht für den Lebensunterhalt zu sorgen - was ich in meiner Situation bestätigen kann - ist entscheidend, sondern der liebevolle Umgang mit den Kindern! Was nützen regelmäßige finanzielle Zuwendungen an Mutter und Kind, wenn die Zuneigung nicht gegeben werden kann oder wird? Wir leben in einer Welt, in der das Geld eine zu große Bedeutung hat! Materialismus in allen Ehren, aber Humanitas bleibt auf der Strecke! Vielleicht wird man im Fall des Sebastian B. sagen: “Er hatte doch alles!” Trifft das aber wirklich zu? Ein komplett ausgestattetes Zimmer ist nicht alles! Man muss sich kümmern! Und das von allen Seiten!
Nächster Punkt ist die Schule. Warum produziert man Hass auf Mitschüler und Lehrer? Hat - und das frage ich explizit die Herren Wulff und Stoiber - noch niemand etwas von Mobbing an Schulen gehört? Außenseiter bieten hierfür die größte Angriffsfläche! Welcher Lehrer hat nicht seine Lieblinge und behandelt - und vor allem benotet - sie bevorzugt? Und wie viele dieser Pädagogen können es sich nicht verkneifen, regelmäßig Schüler vor der versammelten Klasse vorzuführen? Und schürt dies nicht zusätzlich das ablehnende Verhalten von Mitschülern? Mir ist auch nicht jeder Mensch gleich sympathisch, aber muss ich ihn deshalb demütigen? Vor allem dann, wenn ich mir einen dermaßen verantwortungsvollen Beruf ausgesucht habe? Aufgrund mäßiger handwerklicher Begabung eigne ich mich nicht zum Elektriker, Maurer, Schreiner oder Klempner. Darum lasse ich davon die Finger! Genau diese Einsichten wünsche ich auch vielen Mitgliedern des Lehrkörpers! Das Ausleben persönlicher Frustrationen, Komplexen und mangelhafter pädagogischer Fähigkeiten ist im Klassenzimmer deplatziert, meine Damen und Herren! Und ich spreche hier nicht allein als Betroffener und Vater, sondern auch als Mann, der selbst in Lehrerzimmern saß und aufmerksam zuhörte! Wenn ich als Möbelpacker einen Fehler begehe, zerstöre ich vielleicht ein paar Teller. Haue ich als Erzieher mit dem Hammer in den Pudding, liegt später viel mehr in Scherben!
Diese Probleme zu lösen ist schwierig. Und gefragt sind hier auch Politik und Wirtschaft, denn ein Ansatz kann in einem Satz zusammen gefasst werden. Gebt der Jugend eine Zukunft! Nach meiner Auffassung eine geeignete Prävention. Nach Schulabschluss müssen Ausbildungsplätze vorhanden sein, die qualitativ und quantitativ ausreichen. Und wichtig ist, dass der Azubi weiß, er wird im Anschluss übernommen! In einer Zeit, in der die Firmen und Konzerne ihre Gewinne dadurch maximieren, dass sie Personal abbauen, vielleicht eine utopische Vorstellung. Jedoch denke ich, dass die wirtschaftlichen Unternehmungen, vor allem die an den Börsen notierten, nicht ausschließlich den Aktionären verpflichtet sind! Tausende Stellen abzubauen, damit voller Stolz die Zahlung von 75 Cent an Dividende pro Papier verkündet werden kann, darf nicht die beherrschende Unternehmenspolitik sein und bleiben. Dies impliziert in den überwiegenden Fällen auch Ausbildungsplätze - die, weil zu teuer, erst gar nicht geschaffen werden - und somit eine Perspektivlosigkeit nähren, deren Folgen die Gesellschaft tragen muss. So mancher junge Mensch wird dadurch empfänglich für rechtes Gedankengut, oder schafft sich am heimischen PC eine Welt, die für ihn eine bessere zu sein scheint. Das angesprochene Verbot dieser Spiele dient folglich allein dem Zweck, die wahren Probleme zu überdecken und die Verantwortung in andere Bereiche abzuschieben. Mein Vertrauen in die Führungseliten stärkt dieses Verhalten nicht.
Schönfärberisches Zahlenspiel, wie augenblicklich mit den Arbeitslosenstatistiken, ist wenig hilfreich. Statiskiken sind wie ein Bikini; man kann eine Menge sehen, aber das Wesentliche bleibt im Verborgenen! Dann würde man vermutlich entdecken, dass das große Potenzial des Nachwuchses in erschütterndem Maße brach liegt, weil die Chancen es zu nutzen kaum gegeben sind. (Bemerkungen zu PISA verkneife ich mir an dieser Stelle!)
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, besetzt mit Einzelkämpfern. Wer nichts leistet, steht draußen vor der Tür. Das muss sich ändern! Es ist bezeichnend, dass erst eine Fußball WM kommen musste, um ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Und wo ist es jetzt? Diese Frage veranlasst mich zu einem durchaus pathetischen Schluss:
Passt gut auf Euch auf! Und vor allem, passt gut auf Euren Nächsten auf! Auf den Nächsten nebenan im Kinderzimmer, gegenüber am Schreibtisch, in Bussen und Bahnen, im Discounter, in der Fuzo... Manchmal denke ich, wir sind wie die Philippinen. Myriaden von kleinen Inseln...


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