...in der Messe

von André Krajewski

Alle, wirklich alle waren da! Ich auch!
IM001675.jpg Meine kleine Tagestour de Farce zur großen Büchershow war das, was ich mir davon versprochen hatte. Wer ein bisschen in die Branche hat hineinschnuppern dürfen weiß, was sich dahinter verbirgt. Kommerz, Reibach, Auflage! Da schreibt ein Daniel Kehlmann und wird ob seines intellektuellen Geschwafels kritisiert. Dann schreibt er massenverträglich über der Welten Vermessung und schon verkauft er Bücher zu Hunderttausenden. Steht auf dem Buchdeckel der Name Hape Kerkeling, verkauft sich das hundertste Buch über den Weg des alten Jakob gleich über 2 mio. mal! Mark Medlock, immerhin auch schon 29 Jahre alt, legt eine Biografie vor und sorgt für Tumulte am Stand seines Verlages. (Pendo - derjenige, welcher auch Evchen Hermans Ergüsse druckt!) IM001678
Nun war ja Klaus Mann noch jünger, als er seine erste Autobiografie “Kind dieser Zeit” verfasste, aber er konnte wenigstens selber schreiben und hatte was erlebt! Doch während unsereiner händeringend und vergeblich Verlage sucht, reicht bei diesen Schreibern mittelprächtigsten Talentes heute allein der Name, um mit Kusshand genommen und publiziert zu werden!
Alle schreiben! Fußballer, Fernsehköche, Politiker, Bundesminister a. D., SchauspielerInnen, Moderatoren... der reine Ausverkauf!
...wenn die meisten doch wenigstens was zu sagen hätten! Einen Schriftsteller habe ich gesehen!!! Umberto Eco passierte mich mit musterndem Blick. Hatte er womöglich mit Kennermiene einen Kollegen erspäht? Nun, während Alice Schwarzer auf dem Blauen Sofa parlierte, was sie immer und jedem...öhm...jeder zu sagen pflegt, konnte dieser große Literat unbehelligt seines Weges ziehen! Vielleicht war seine Miene auch nur Ausdruck der Erschrockenheit, weil ich ihn erkannt hatte, was ihm nicht entgangen sein konnte! blacky.jpg Ansonsten sah ich einige Prominenz und wähnte mich als Zaungast des Bundesfilmpreises. Man sah Volker Lechtenbrink, Günter Lamprecht, Dietmar Mues, Ulrich Tukur, Mihn Khai Phan Ti, Blacky Fuchsberger, Monica Bleibtreu, Roger Willemsen (immerhin promovierter Literaturwissenschaftler!), Hera Lind, Reinhold Messner...

Wen ich nicht sah waren: Daniel Kehlmann (wenn schon denn schon!), Günter Grass, Martin Walser, Peter Handke, Hans Magnus Enzensberger... Große der Literatur.
bleibtreu Aber diese Literaten sind auch nicht das, was die Masse liest. Und Verlage sehnen sich nach Masse! Wer, so wie ich, Absagen dieser Unternehmen sammelt weiß, dass ein Verlag heute rein kaufmännisch geführt wird. Massenkompatibel muss es sein. Dann rattert es auch in der Buchfabrik! Allein der Stand von Random House war ein Besuch wert. Myriaden von Verlagen unter einem Dach. Bertelsmann macht´s möglich! Dort und anderswo sitzen Herren in Maßanzügen ohne einen Schimmer von Literatur und maßen sich an, Literatur zu produzieren. Lektoren fallen, da für den Betrieb unwichtig, dem Rotstift zum Opfer, und die Massenware aus den USA braucht schließlich nur Korrektoren und meist mittelmäßige Übersetzer. (Untersuchen Sie doch mal spaßeshalber Ihren Dan Brown nach orthografischen und grammatikalischen Lapsi!)
Nun, ich hab Menschen mit drei Jutesäcken und vier Papiertüten an den Händen über das Gelände schleichen sehen. Man trägt halt schwer an dieser Literatur! Selbst mit dem Trolley war man unterwegs, Broschüren, Flyer, Leseproben und Werbemüll aller Art einzusacken und heim zu ziehen! Gottlob blieb ich, der einen eigenen Literaturgeschmack entwickelt hat und sich diesen bewahrt, davon verschont!
schwarzer Da gehe ich lieber an meine Regale und hole den ollen Kleist, oder den staubigen Heyne ... äh ... Heine wieder hervor! Ich habe keinen Fernseher - was mir die GEZ auch hoffentlich abkauft - und verzichte so auf Buchtipps von Sachverständigen wie Kerner oder Heidenreich. Bild dir deine Meinung, Elke dir dein Druckerzeugnis!
Ein Preis wurde, unabhängig wie den Gerüchten nach oft betont, auch vergeben! Dreimal waren Autoren von Herder nominiert. Ein Schelm, wer kommerziell Diktiertes dabei denkt! Sehe man sich aber mal die großen Preise an. Wer etwas bei namhaften Verlagen am Start hat, der wird gerne mal nominiert und/oder ausgezeichnet, da selbst eine Nominierung soviel Medienecho auslöst, dass das gute Buch danach abgeht, wie ein Profiradler nach einem Besuch beim spanischen Hausarzt.
Ich habe nur in die zugängliche Leseprobe der Ausgezeichneten geblickt. Handwerklich nett, gefällig erzählt, nix innovatives oder vom Bürosessel reißendes...
So wird es bleiben. Die Amis überfluten mit Massenware, wir mit nettem Durchschnitt und Chancen als Neuling bekommt man bei den Verlagen mit Namen nur, wenn man vorher Superstar war, oder im Fernsehen kocht. Die Literaturredaktionen der Zeitungen schotten sich weiterhin ab und berichten nur - das selbstredend unabhängig - von dem, was sie wollen (schaumermal auf die Werbeanzeigen) und das Volk ersäuft in Wortcontainern, mit deren Inhalt der Bauer in Frühjahr und Herbst seine Felder düngt!
Naja, jedes Lesevolk bekommt die Literatur, die es verdient!

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