Zwischen Ruinen und Tempeln
von André Krajewski
Ich spaziere durch die Gegenden, an welchen ich aufgewachsen bin. Alles ist vertraut und fremd zugleich.
Merklich haben sich die Orte meiner Kindheit verändert. Nur Weniges erkenne ich wieder. Der Weg zu meinem Elternhaus, ihn hatte ich
stets in einer Weise beschreiben können, dass man alles am Wegesrand, im Falle einer Katastrophe, hätte wiedererrichten können. Mitten
auf der wenig befahrenen Straße gehe ich meinem Ziel entgegen. Unter dem alten Beton des Viaduktes, das über die Gleise der Bahn zu einem
anderen Stadtteil führt, klebt noch das Schwarz des Rußes der Dampflokomotiven, die einst durch das Tal geschnauft waren. Wie das Pech, mit dem
vor langer Zeit die Küfer ihre Bottiche abgedichtet hatten, bewahrte er über eine
scheinbar endlos lange Zeit meine Kindheitserinnerung vor den Austritt aus meinem Gedächtnis.
Alles ist noch da. Oftmals hatten wir Fußball gespielt. Nicht selten war der Ball über den rostigen Zaun auf die Gleise geflogen. Mit großer
Angst kletterten wir dann abwechselnd über die Barriere und holten uns das Spielgerät wieder. Wer einem D-Zug dabei hatte ausweichen müssen,
wurde zum Helden des Tages. Die Straße war unser Spielfeld gewesen. Einzig Taxis störten unsere Flanken und Torschüsse, manchmal auch ein
LKW der nahe gelegenen Spedition. Mein damaliger Freund, er ist vor vier Jahren gestorben. Dreiunddreißig Lebensjahre sind einfach zu
kurz. Ich wische mir verstohlen eine Träne aus dem rechten Auge und gehe gemächlich weiter.
Dort, wo noch vor einiger Zeit die Lastkraftwagen be -und entladen
wurden, bietet nun eine Supermarktkette, der man eigens ein schwarzes Buch gewidmet hatte, ihre Waren feil. Gegenüber steht noch das Bürohaus
aus den frühen fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ein großes Transparent an der Fassade wirbt für den Kauf von Eigentumswohnungen.
Auf dem Gehweg stehen noch die bekannten Blumenkübel. Große quadratische Monster aus Beton, deren Äußeres mit kleinen Kieselsteinen verziert ist.
Dazwischen die quadratischen Eisensäulen. Damals umfuhr ich sie in kühnem Slalom mit dem Fahrrad. Wann diese eine seinerzeit von einem
Lastkraftwagen gerammt worden war? Ich weiß es nicht. Noch immer prangt sie schräg mitten auf dem Bürgersteig, wie ein Mahnmal gegen das
Vergessen. Das alte Fabrikgebäude aus
rotem Backstein, es steht nicht mehr. Irgendwo müssen die Kaufwilligen ihre Automobile abstellen. Als Heranwachsender kam ich von der
Schule nach Haus und warf oft verstohlene Blicke durch die Fenster in die Büros, wo zwei hübsche junge Frauen bei der Arbeit saßen.
Manchmal lächelte mir eine kurz zu. Sie mag keine zwanzig Jahre alt gewesen sein. Hübsch, aber nicht meinem Alter entsprechend. Ihr Lächeln
hatte stets meinen Gang beflügelt. Bis ich sie zu einem jungen Mann ins Auto steigen sah. Von diesem Zeitpunkt an passierte ich die Fenster,
ohne meine Blicke in die Räume zu wenden. Das Haus war immer Heimat für mich gewesen.
Von dort waren es nur wenige Schritte um die Ecke und ich sah mein Zuhause erscheinen. Ich bleibe stehen und sehe mich um. Das weiße Haus auf
der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung ist nur noch eine Ruine. Ein Feuer hat ihm das Dach unbarmherzig weggefressen. Im rechten Teil
des Gebäudes war eine Bar untergebracht. Rote Laternen hatten früh meine Neugier erweckt, doch niemand aus der Familie hatte mir erklären wollen,
was diese Illumination zu bedeuten hatte. Dieses zu erkunden, hatten meinen verstorbenen Freund und mich jeweils zehn Deutsche Mark für
ein Bier gekostet.
Heute versperrt eine Bushaltestelle nahezu den Gehweg. Zeit meiner Jugend hatte ich dort nass werden müssen.
Aus den geöffneten Fenstern der Fabrik gleich nebenan dringt der stechende Geruch frisch erzeugten Gummis. Er beschleunigt meine Schritte.
Die Böschung auf der anderen Straßenseite ist über die Jahre bewachsen. Ahornbäume verdecken heute die große Automobilwaschanlage. Es mag
durchaus ein Segen sein. Nur einmal habe ich diesem Ort der Pflege des liebsten Kindes meiner Landsleute betreten. Man feierte dort und ein
unbekannte Band spielte auf. In jener Nacht bebte später die Erde.
In der Kurve liegt die Tankstelle, an der mein Vater oft seine Automobile mit Kraftstoff gefüllt hatte.
Er und der Pächter hatten sich lange gekannt. Beide sind Entseelte nun. Ob sie ihren Streit von einst beigelegt haben? Die alte Villa, wie wir
das betagte Haus nennen, liegt matt schimmernd in der Sonne.
Weiß getüncht mit schwarz gerahmten Fenstern; der Weißclown in dieser Chaussee der dummen Auguste. Ernst blickt er auf die armen Seelen in ihren blechernen Kisten der Rastlosigkeit, die ihn achtlos passieren.
Der große Baum ist auch nicht mehr. Meine ersten Jahre habe ich dort verbracht; oben in der Mansarde. Eines Nachts war ich aufgewacht. Die
Eltern hatten sich dem Amüsement hingegeben und den Kleinen allein zurück gelassen. So war ich mutig über das Gitter meines Bettchens
geklettert, hatte meine Garderobe mit einem Paar Gummistiefeln zu komplettieren versucht und war meine Ahnen suchen gegangen. Den Baum hatte
ich passieren können, doch kurz nach Verlassen des kleinen Grundstückes, war mein Ausflug in die Welt der Erwachsenen beendet gewesen. Ein Auto hatte
angehalten. Nicht weniger als drei Frauen waren in ihm unterwegs gewesen. Bereits damals für weibliche Reize empfänglich, hatte ich mich von
ihnen ansprechen und abschleppen lassen. Geradewegs zur nächsten Polizeiwache. Meine erschrockenen Eltern holten mich dort damals ab.
Geblieben ist all die Jahre der Fußballplatz, gegenüber der Tankstelle. Gelegen in einem alten Steinbruch, diente er uns der Ertüchtigung
von Leib, Seele und Kameradschaft. Unzählige Male hatten wir seine Mauern überwunden, um Verbotenes zu tun. Stillschweigend hatte man unsere
Gesetzesübertretung geduldet. Wo einst sich Pappeln im Wind gebogen hatten, steht nun das Vereinsheim. Wer etwas zu feiern hat, kann dies
gegen Entgelt dort hinter sich bringen. Das Feld der Ehre aus roter Asche, ich habe es seit jenen Tagen nicht mehr betreten. Für manche Menschen
aus dem Bezirk ist es mehr als das halbe Leben. Für mich jedoch nur eine kleine Episode. Bin ich bei meiner Mutter zu Besuch, schaue ich nie aus dem Fenster,
wenn dort Spielbetrieb ist. Ich sähe zu viele bekannte Gesichter, die ich jung gekannt habe. An ihnen würde ich erkennen, dass das meine
älter geworden ist.
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