Vakanz
...oder Papa, ich muss erst zur dritten und komm nach der fünften!
von André Krajewski
Meine Tochter besucht die Realschule. Das ist an sich nichts ungewöhnliches oder gar
verwerfliches. Auch wenn heutigentags nahezu jedem das Abitur quasi in die Wiege gelegt wird, weil das Kind ohne ein solches Zertifikat
keinerlei berufliche Perspektiven habe, wie man landläufig zu meinen sich bemüßigt fühlt. Bildung ist ein hohes Gut und Wissen ist Macht.
Das eine Studentin der Geschichte in einem Quiz nicht in der Lage ist, die Deutschen Bundespräsidenten zu nennen, das heißt ja weiter gar nichts!
Man muss nicht jeden x-beliebigen Politiker kennen. Womit ich beim Thema wäre. Das Bundesland, in dem ich lebe, leistete sich weiland eine Protestwahl.
Ein nicht näher zu nennender Wirtschaftsmogul proklamierte nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses das Ende seiner politischen Tätigkeit. Alle Klarheiten beseitigt?
Der Erwählte erwies sich als Mann der Tat und handelte. Bekannt als Bildungspolitiker ersten Ranges, zumindest im engeren Familienkreis, ergriff er Maßnahmen, die dem
ausufernden Unterrichtsausfall begegnen sollten. Also wurde u.a. beschlossen, dass Elternsprechtage nicht mehr an Vormittagen stattzufinden haben, damit unsere Kinder
ihren Bildungshunger auch zu diesen Zeiten stillen können. Erfreut hat es die Lehrer, die nun auch ihre arbeitsfreien Nachmittage sinnvoll auszufüllen imstande sind.
Die Eltern, die ihre Mittagspausen nun in aberwitzige Längen ziehen können, waren förmlich enthusiasmiert. Sicher, ein Großteil hat keine Mittagspause, aber wer verlässt
schon kurz vor dem Vorsprechen gerne die Schlangen bei der Agentur für Arbeit, oder der ARGE?
Der Verfasser dieser Zeilen erhoffte sich für seine Tochter, nach den klaren Worten des Sohnes eines Elektromeisters, dass besagte Realschule nun das Füllhorn des Wissens
über ihr ausschütten werde. Wer das cornu copiae verlegt hat ließ sich bisher nicht ermitteln, aber es bleibt scheinbar unauffindbar. Beruhigend ist jedoch, dass ein Heer
an Lehrkräften mit der Suche beauftragt zu sein scheint. Anders kann ich mir nicht erklären, dass meine Tochter im abgelaufenen Schuljahr meist früher an der Türe klingelte, als der Postbote.
(wenn sie denn überhaupt unsere Wohnung hat dienstlich verlassen müssen) Rückblickend kann ich über meine Schulzeit nur sagen, dass ich seinerzeit weniger Schulferien hatte,
als sie Unterrichtsausfall. Sicher, auch der gemeine Lehrkörper kann von Viren und Bakterien befallen werden. Aber wer springt im Falle des situativen Ausfalls für den Erkrankten ein?
Um es mit einem Wort aus dem Titel des Lieblingsfilms meiner Tochter zu sagen: Nemo! Immerhin wurde der letztendlich gefunden! Bemühungen, diesen für dauerhaft ausfallendes Lehrpersonal auch zu finden,
scheitern sowohl an pekuniären Mangelerscheinungen, als auch an denen bezüglich des Quantums an Fachkräften. Fragt der verzweifelte Schulleiter beim zuständigen Amt in der Landeshauptstadt an, wird eben diese Anfrage
abschlägig beschieden. Dafür aber machte mich mein Kind mit einer neuen Vokabel bekannt: Kurzstunden. Nun dachte ich von alters her, eine Stunde hätte sechzig Minuten, beziehungsweise im Schulalltag fünfundvierzig.
Diese Variante aber bringt es gerade noch auf dero dreißig. Da kommt nach der Motivationsphase schon bald die Fünfminutenpause und der Schüler packt mit dem Lehrbuch gleichzeitig die Milchschnitte aus.
Das Problem ist hausgemacht. Der öffentliche Dienst stellt quantitativ bescheiden ein und viele arbeitslose Lehrer wandern in andere Berufe ab. Interessierte studieren erst gar nicht für das Lehramt,
weil die Perspektive fehlt. Damit schafft man sich stilistisch einwandfrei einen Lehrermangel. (An der Schule meiner Tochter musste man eigens eine Muttersprachlerin einfliegen lassen, damit Französisch gegeben werden konnte.
Leider war sie ausschließlich Muttersprachlerin, was die Sechstklässler in arge Schwulitäten brachte, da sie, bezüglich dieses Idioms als Neueinsteiger in Wort und Schrift unbeleckt, dem Unterricht in französischer Sprache nicht folgen konnten!)
Statistisch hatte im Jahre 2005 die Schule, die meine Tochter ab und an besucht, einen Stundenausfall von 5,9 %. Die „verlässliche Schule“ ist somit nichts anderes, als zwei leere Worte. Stellenreserven existieren nicht und bis die fehlenden
Fachkräfte ihre Examina in trockenen Tüchern haben, ist meine Tochter bereits im zweiten Lehrjahr.
Also gebe ich weiterhin den Hofmeister und bemühe mich zu Hause, Wissenslücken zu schließen. Eine Stelle hätte ich nie bekommen und Geld für meine Heimarbeit zu fordern, würde mich vermutlich die bürgerlichen Ehrenrechte kosten.
Aber dafür leiste ich mir einen Zukunftsminister aus der Vergangenheit als Landesherrn, dessen Kompetenz in Bildungsfragen selbst unter dem Elektronenmikroskop im Verborgenen bleibt.
Seine Dissertation trägt übrigens den Titel „Das Verbot parteipolitischer Betätigung im Betrieb“. Das inspiriert mich zu einem Buch. Titel: „Das Verbot politischer Betätigung aufgrund völliger Ahnungslosigkeit“...
<< zurück